In dieser Rubrik finden Sie:

  • [1]  Schaltflächen links: Sie finden dort Meinungen und Reaktionen
           von Leserinnen und Lesern, der Medien und Buchhändler zu
           meinen Auftritten, Lesungen und Büchern.

  • [2]  Auf dieser Seite unten: Hier finden Sie Meinungsäußerungen von mir zu vielen Themen aus Kultur und Literatur, aus Gesellschaft, Politik und Philosophie und den Fragen unserer Zeit. Ich nehme auch Stellung zu Fragen der Tagespolitik und zu bewegenden Ereignissen; derzeit umfasst die Auswahl das Folgende - der aktuellste Eintrag oben, der älteste Eintrag ganz unten:



    [2L]  Friedrich Nietzsche lesen - Also sprach Zarathustra

    [
    2K]  Posting nach dem Zunami fürs politische Bewusstsein nach dem 11. März
            2011, als das AKW in Fukushima außer Kontrolle geriet


    [2J]  Die Sarrazins, Steinbachs und der Neu-Konservatismus

    [2I]  Auf der Suche nach Hitlers Potemkinschem Bildungsdorf

    [2H]  Wandern und Pilgern als der Weg zu sich

    [2G]  1: Ullsteins lustige Abschreibaffäre - Helene Hegemanns Buch »Axolotl
                  Roadkill
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           2: Kopiert oder kreativ kreiert - das ist hier die Frage!

    [2F]  Europa und die Menschen - oder: Wo aber liegt Europa?

    [2E]  Die Schriftstellerin Christa Wolf - oder: Deutschland und seine Intellektuellen. Eine Vaterlandssichtung!

    [2D] Vatermord oder blasphemischer Bildersturm - zu Timan Jens' Buch »Demenz«

    [2C] Die Vermessung Kehlmanns als Schriftsteller - oder: Ruhm, wem Ruhm gebührt.

    [2B] Thomas Mann und das 3. Reich

    [2A] Claus Schenk Graf von Stauffenberg und das Attentat vom 20. Juli 1944




[2]   Meine Meinung ist Ihnen wichtig!

Ich möchte hier in Zukunft zu verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung nehmen, auch zu Literatur, Kunst und Philosophie.


[2L]  Friedrich Nietzsche lesen - Also sprach Zarathustra

Nietzsche als Philosoph ist kein Systematiker, er ist ein analytisch-aphoristischer Chronist, der dem Sein und den Menschen auf den Grund geht. Er ist also schwer, und er gehört überhaupt zu den schwersten Modernen. Denn er erträgt die Welt nur durch den Schleier der pointierten Ironie und des Zynismus'. Und mit der Ironie, dem Zynismus ent-setzt er sich ihr und seinen Zeitgenossen: Er ist ein analytischer Realist hinterm Vorhang, ein Chronist des in Wort und Ton verschleierten Ent-setzens, ein Ein-siedler wie sein Zarathustra selbst (das Fink-Buch arbeitet das gut heraus).

Gerade im Zarathustra ist er der erste Realist der Philosphie ohne Ober-, Hinter- oder Unterwelt - in Bildern des Jugendstils, in mythischen Bildern, in Metaphern und Sinnbildern, die wir von Adornos Ästhetik, von Adorno/Horkheimers Dialektik der Aufklärung (als fortgedachtes Sujet) kennen, aber dort als treffsichere Analytik der Zeit und als Überzeugung, dass die Moderne des "Alles ist möglich" im Prinzip keine Werte kennt und Kritik sofort sublimiert ins "Everything goes", in eine negative Dialektik. --- Aufgrund dieses Dilemmas, das wohl schon Nietzsche spürt, hat auch dieser nichts zu sagen, er hat den Menschen nichts zu sagen, nichts, was sich diese nicht selbst sagen könnten, würden sie nicht in der Lüge leben (wollen), in Lug und Trug, in ideologischen Schimären, die ihrer Existenz, die ihrem Sein tagein tagaus widersprechen. So ist er auch Pessimist.

Das Buch "Also sprach Zarathustra" ist (für mich) ein Buch der ent-setzten Ent-larvung seiner Zeit aus ironischer und zynischer Haltung im Beginn der Moderne, aber im Ton und den Bildern eine Anklage aus der Exklave des Jugendstils, der befreiten Nebenwelt, wie Sils-Maria im Engadin, ein der Kultur und Zivilisation entrückter Ort, die Natur dort ist. Man kann, wie ich meine, bei diesem Werk von seinem Kernwerk sprechen, einem hermetischen zwar, da es in zweifacher Weise verschleiert ist und somit schwer verständlich bleibt - aber bewusst: und weil für die vielen die Wahrheit durch ihre schimären Brillen nicht erkennbar ist, die Tiefen und Höhen ihrer Existenz - oder einfach nur in einen Gott gelegt und für sie, ihr Leben, unabsehbar bleibt. So bleibt auch Nietzsche für sich und sie der ent-setzte Einsiedler dieser Welt.

Es gibt aus meiner Sicht zwei Bücher über Nietzsche und die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, die stark von Nietzsche "kontaminiert" ist, vom Weg und vom Umbruch vom nach-napoleonischen Europa in die Moderne, zwei Bücher, die unbedingt lesenswert und bereichernd sind und die es für mich früh schon waren, bereits zur Zeit meines Studiums und bis heute:

(1) Eugen Fink, Nietzsches Philosophie - sowie (2) Manfred Frank, Gott im Exil - genau in dieser Reihenfolge. Allerdings, beide Bücher sind ihrer Struktur nach wissenschaftlich-philosophische Werke, also nicht ganz leichte intellektuelle Nahrung, aber beide (aus meiner Sicht) in jeder Weise sehr gewinnbringend, einfach vorzüglich, da tiefgehende Bausteine fürs Verständnis der Moderne, von uns. Also von mir als eine absolute Empfehlung.


[2K]  Posting auf der Hauptseite meiner Homepage nach dem politischen Zunami fürs
        polititsche Bewusstsein am 11. März 2011, als das AKW in Fukushima außer
        Kontrolle geriet:

ALLE AKWs ABSCHALTEN! JETZT! OHNE WENN UND ABER!
WIR HABEN GENUG VON EUREM RESTRISIKO !

Wir fürchten uns nicht vor Stromabschaltungen und teurerer Energie!
Wir fürchten uns aber vor kalter Profitgier und heuchlerischer Fürsorglichkeit,
die sich in leichtfertigem Reden ausdrückt und Chancen für die Zukunft verspielt!

"Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werden die Menschen feststellen, dass man Geld nicht essen kann." (Häuptling Seattle, eine Weissagung des Stammes der Cree)


[2J]  Die Sarrazins, Steinbachs und der Neu-Konservatismus

Man sagt, wir wollen wieder selbstbewusste Deutsche sein. Man sagt, wir bräuchten wieder richtige Konservative. Aber man sollte auch sagen, dass wir bei allen Diskussionen und Kontroversen um richtige Wege nicht unsere demokratisch-republikanischen Werte über Bord werfen dürfen und unsere Prinzipienfestigkeit hinsichtlich der Werte Freiheit, Toleranz und Humanität verraten. Denn wir würden damit unsere Selbstachtung und unser Wissen um unsere Geschichte aufgeben. Denn wir wissen, dass ein Land, das in der Mitte Europas liegt und zu einem der wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt zählt, integrativ wirken soll und muss und sich daher alles Wollen und Äußern seiner führenden Köpfe nicht mit nationalistischem Getöse und markig kraftstrotzendem Gebaren verträgt.
Denn die Bundesrepublik Deutschland hat nach 1945 seine Lehren aus der Geschichte gezogen, aus zwei Jahrhunderten, in denen viel Leid über Europa und die Welt gekommen war.

Dieses Land hatte zuletzt einen Eroberungs- und Vernichtungskrieg nach Osten geführt, zu dessen Ursache und Schuld es allein aufgrund einer erdrückenden Quellenlage keine Zweifel geben kann.  Daher muss allen sich als neu-konservativ gebenden Kräfte entschieden widersprochen werden, die durch Relativieren und Beschönigen, durch ideologisches Verschweigen und rhetorisches Verkürzen von Fakten die Geschichte verfälschen und unsere Grundwerte beschädigen. Daher habe ich es mit Abscheu vernommen, dass es in Deutschland wieder die Meinung gibt, man dürfe mit vulgärem Darwinismus und unterschwelligem Antisemitismus, mit Ressentiment und Fremdenfeindlichkeit, mit Relativismus und Revanchismus Politik machen. Denn es ist unwahr, dass sich darin ein überfälliger Konservatismus ausdrücke.

Denn mit solcher Politik würde der Konservatismus, der „bewahren“ und „erhalten“ meint, zu einer Denk- und Verhaltensweise führen, die unsere besten Absichten für die Zukunft einer erneuten Verhunzung preisgäbe. So lasst die Deutschen ruhig richtige Konservative sein, aber nur solche, die bewahren, was auf den Grundlagen von Aufklärung, Toleranz und Humanität auch bewahrenswert ist. 

Sie finden diesen Kommentar bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT.



[2I]  Auf der Suche nach Hitlers Potemkinschem Bildungsdorf

Der Autor zitiert Benjamins Diktum, dass man einer Bibliothek ansehe, wer einer sei. Nun sind die Reste von Hitlers Bibliothek sehr unvollständig und die darüber verbürgten Äußerungen des Diktators mehr als spärlich, ganz abgesehen davon, dass er in seine Büchern kaum Anmerkungen hinein schrieb. Was hilft es, dass Hitler von sich selbst behauptete, er habe pro Nacht ein Buch gelesen? Immerhin lässt sich feststellen, wenn es tatsächlich so war, dass von dem, was er las, nur sehr wenig hängen blieb; oder er las, was seine Wahnvorstellungen nur bestätigte.

Also sagen Bücher wenig darüber, wer einer ist. So ist schon der Hinweis auf Bücher über Friedrich den Großen in Hitlers Fundus eher fehl leitend. Friedrich der Große hätte protestiert, hätte er gewusst, wer sich da auf ihn beruft.

So gilt insgesamt: Eine große, noch so gut sortierte Bibliothek schützt vor Torheit, Dummheit und Rassismus nicht; und man sollte sie deshalb nicht wichtiger nehmen als anderes; denn es sagt nichts über vorhandene oder nicht vorhandene Bildung aus. Mich erinnert das nur an den umgekehrten Fall, an einen Paul von Hindenburg, der sich ein Leben lang rühmte, nicht ein Buch in seinem Leben zu Ende gelesen zu haben.

Zuletzt liegt es so nur am einzelnen selbst, wer einer ist und sein kann: Man muss ihn an seinem Handeln messen. Nur so, mit einem mit Verlaub gemachten Hinweis auf Kants Kategorischen Imperativ wird man der labyrinthischen Verirrung ins Potemkinsche Dorf von Hitlers Bibliothek den richtigen Wert beimessen können. Nämlich keinen.

Sie finden diesen Kommentar bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT.



[2H]  Wandern und Pilgern als der Weg zu sich

Ein sehr kluger, ein stark soziologisch und philosophisch-kulturell geprägter Zeit-Artikel, der auf viele wesentliche Aspekte und Kernpunkte des Wanderns und Pilgerns gestern und heute hinweist. Ich habe ihn gern und mit Gewinn gelesen.

Vielleicht sollte man noch hinzufügen, dass das Wandern als solches in den letzten Jahren sehr viele Anhänger gefunden hat, besonders unter jungen Leuten, während das Zufußgehen bis in die 90er Jahre hinein eher noch verpönt war.

Insofern sehen wir hierin eine sehr positive Entwicklung, eine, die die Menschen auf die existentiellen Grundlagen in der Natur und die ihre noch zurückführt. Dazu gehört aber auch, Augen und alle übrigen Sinne offen zu haben, sie beim Gehen offen zu halten - oder sich diese von solchem Gang ins Offene öffnen zu lassen. Daher ist das Wandern, genauer gesprochen das Fernwandern für jemanden, der sensibel und emotional ist, so unerlässlich, um über sich und die Welt mehr zu erfahren und mehr zu finden, als man nach allen objektivierbaren Tatsachen schon ist.

Ich weiß, für einen echten Rationalisten, einen echten Realisten, ist das alles Schmonz. Aber zum Glück - es gibt nicht nur Rationalisten oder Realisten, sondern viele Menschen, die für mehr als die kalten Fakten der Tatsachenwelt empfänglich sind. Und sie haben damit nach allem, was wir wissen, so recht ...

Sie finden diesen Kommentar bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT.



[2G-2]  Kopiert oder kreativ kreiert - das ist hier die Frage!

Herr Martenstein schreibt eine Satire über den Vorwurf gegen Hegemann, sie habe das Buch von Airen plagiiert. Er verschärft darin den ursprünglichen Anspruch Hegemanns nach Originalität, indem er konzediert, sie habe den Text von Airen noch verbessert.

Aber Spaß oder Satire mal beiseite: Airens Text ist besser als der Hegemanns, oder persönlicher formuliert: jener gefällt mir besser als dieser.

Aber was mich besonders frustriert hat beim Anlesen von Hegemanns Buch: Bereits auf den ersten Seiten finden sich die wesentlichen Textstellen, die gemäß anderer Kritiker so oder ähnlich von Airen stammen. Und das lässt durchaus nicht viel Originalität im weiteren Buch erwarten. Also ermüdet der Leser vorzeitig enttäuscht und bricht sogar ab, greift tatsächlich lieber zum Original als zur Kopie.

Was mich beim Text Hegemanns aber besonders verblüffte, war die von Lebenserfahrung verständigte Sprache, die erfahrungsschwangere Diktion, die man einer 17-Jährigen in dieser Weise keineswegs zutrauen zu können glaubt. Und die Anschauung ihrer Person, wenn man sie im Interview, in den Talkshows sieht und hört, scheint diesem Eindruck Recht geben zu wollen.

So bleibt man bei Hegemann und ihrem Buch ratlos zurück, fragt sich durchaus, ob sie und ihr Buch nicht einfach nur eine Satire auf unseren Kulturbetrieb sind. Das wäre nun doch einmal eine Pointe, die einen Hype auf Bestsellerlisten und im Feuilleton wert gewesen wäre.

Sie finden diesen Kommentar bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT.



[2G-1]  Ullsteins lustige Abschreibaffäre - Helene Hegemanns Buch »Axolotl Roadkill«

Die Hegemann hat per Copy&Paste geschrieben, sich an ganzen Passagen anderer bedient, ohne zu fragen. Dennoch wurde ihr Buch mit großem Marketing-Pomp in die Feuilletons und den Buchmarkt gedrückt, es wurde für einen Buchmessepreis in Leipzig nominiert. Also alles eine lustige Abschreibaffäre?

Die junge Frau ist eine pubertäre 17jährige, die vom Leben noch nichts weiß, die eine Schulausbildung abbrach, aber große Schriftstellerin sein will. Denn sie ist zu jung, um im Leben angekommen zu sein, was sie schreibt, zu abseitig, dass sie es selbst erlebt haben könnte. In ihr rumort ein ominöser Drang der Selbstgefälligkeit, in der sie sich mit Goethe und Shakespeare vergleicht. Aber mangels genügendem Talent gelingt nur eine Copy&Paste-Manie, ein leerer Durst nach Leben, der eine Kopie des eigenen Anspruchs ist. So wird ihr Versagen zu dem des Verlags, seines Lektorats und des Vaters.

Aber das Verlagswesen, das vor kurzem erst das Urheberrecht gegen Googles Scanning-Fraß durch die Weltliteratur verteidigte, setzt so die Axt an die Wurzeln jenes Baums, auf dem er selber sitzt. Wer soll das Urheberrecht noch achten, wer sich auf den Weg kreativen Schreibens machen, wenn Copy&Paste literarisches Stilmittel wird?

Es wäre daher Zeit, dass Ullstein dieses unsägliche Buch vom Markt nimmt. Doch dazu wird es nicht kommen: Denn alles ist in der Kulturindustrie, um mit Adorno zu sprechen, eine Frage des Geldes - oder des Profits, wie wir nun leider lernen müssen.

Sie finden diesen Kommentar bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT.



[2F]  Europa und die Menschen - oder: Wo aber liegt Europa?
Ein Kommentar zum Artikel "Ich wir sie - die französische Philosophie sieht die Gemein-schaft mit Skepsis ...", geschrieben als zweiter Kommentar  am 08.07.2008 um 22:04 Uhr, in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT; er hat folgenden Wortlaut:

2. Um gleich ein Beispiel zu ...
Um gleich ein Beispiel zu nennen: Europa beginnt nicht im egalitären Raum abstrakt zusammengenommener Staaten, denen man Vorschriften und abstrakte, bürgerferne Institutionen gibt. Denn dort, wo alles gleich gültig ist, könnte sich schnell größte Gleichgültigkeit einnisten. So haben nicht ohne Grund die in der Vergangenheit so großen, vermeintlich Gemeinschaft bildenden Zwangskonzepte der Geschichte reichlich versagt, gleichgültig ob nun Kommunismus, nationaler Sozialismus oder die vielen Zwischen-, Extern- und Extremformen religiöser oder autoritärer Provinienz. Daher finde ich den Satz sehr treffend: "Inakzeptabel als politisches Projekt, bleibt sie (die Gemeinschaft) als Ethik, die in individueller Lebensführung wurzelt, gleichwohl praktikabel." Sehr wohl, praktikabel als Ethik, als Weg, der beim einzelnen beginnt und ihn und alle zur Gemeinschaft Gleichgesinnter führt.Darum glaube ich, dass Europa bei den Menschen, in den Regionen beginnt, nicht im Abstraktum egalitär vereinheitlichter Nationalstaaten. Europa muss leben, von unten her, von den Menschen, aus ihren Herkünft(en), ihrer Kultur und ihren Traditionen herkommend. Dann erst kann gelingen, was Aristoteles mit zoon politicon umschrieb, was Europa den Frieden, die Gemeinschaft der Menschen bringt, den sie endlich und lange schon verdienen.Autorenhompage: www.burkhard-wittek.de

Sie finden diesen Kommentar bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT.



[2E]  Die Schriftstellerin Christa Wolf - oder: Deutschland und seine Intellektuellen. Eine Vaterlandssichtung!

Christa Wolfs spät offen gelegte Selbstverpflichtung für die DDR-Stasi, ihre Kapitalismus-kritik an der alten BRD und ihre Vorbehalte gegen den Untergang der DDR im Jahre der Wiedervereinigung erbrachte ihr kein positives Renommee, trotz einer Literatur, die ihr in den Jahrzehnten davor große Beachtung verschafft hatte. Sie ist seither keine ernst genommene Schriftstellerin mehr, keine moralische Instanz fürs Deutschland der neuen Republik seit 1990.

Aber andere, von denen wir bisher überzeugt gewesen sind, dass sie moralisch hoch stehend und über alle Kritik erhaben sichere Gewährsleute unserer besten Absichten für eine bessere Welt sein müssten, haben vor kurzem ihre Verstrickungen in längst überwunden geglaubte politische Zumutungen eingestehen müssen. Und zum Teil besserwisserisch an ihrem Weg festgehalten.

Aber ist all das, was wir darin sehen müssen, nicht nur eine allzu menschliche Krankheit, eine allzu deutsche Mentalität: Denn noch die letzte allzu deutsche Revolution, die unter dem Motto gestanden hatte „Wir sind das Volk!“, führte zu nicht viel anderem als zur Verbrüderung der politischen Klassen von Deutschland West und Ost unterm Deckmantel der BRD-Verfasstheit. Es wurde der Untertanengeist, das Obrigkeitsdenken des von Alters her wohl bekannten preußisch-restaurativen Wegs nur um ein weiteres Beispiel ergänzt – was letztlich schwerwiegender ist als die Tatsache, dass sich die CDU West die CDU Ost einverleibte, dass sich die SED als Die LINKE auf Basis alter stalinistischer Kader neu formierte und die SPD sich dieser inzwischen zunehmend anbiedert.

Christ Wolf wird da zur Projektionsfläche eines schlechten Gewissens, zu der einer an sich besseren Einsicht, die man nicht leben will, die man in eine uneingestandene, moralische Gewissenlosigkeit abschiebt, geschuldet der Mentalität, vom Staat und der Gesellschaft alles, von sich selbst nichts zu verlangen: das Gemeinwesen wird da zu reiner Teilhabe an obrigkeitsstaatlich gewährten Sozialtransfers oder dem staatsliberalistisch sanktionierten kapitalistischen Boniwesen.

Und da interessiert es auch niemanden mehr, dass Christa Wolfs Werk über anderes spricht: Christa Wolfs Bücher haben mich immer tief beeindruckt, weil sie viel über das deutsche Wesen, den Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte und über ihren Umgang mit ihren Intellektuellen aussagen. Christa Wolfs Bücher waren für mich immer eine Auseinandersetzung mit der Authentizität und dem Selbstverständnis deutschen Dichtertums und Schriftstellerei gewesen: eine Auseinandersetzung zwischen totalitären Geschichtsentwürfen mit solchen der Demokratie und eines recht verstandenen Republikanismus.

Dabei kennzeichnet Christa Wolfs Werk Entmutigung, Ausweglosigkeit, ja Sprachlosigkeit, auch in ihren Figuren wie z.B. Karoline von Günderode und Heinrich von Kleist, und noch Kassandra. Ihre Bücher sprechen von Figuren, von Intellektuellen, die nicht ankommen, wo sie hingehören, wo sie dazugehören wollen und sollten. Ihr Land, in dem sie leben, ist ihnen verschlossen, bleibt fremd, ist ein Kontext der Existenzweise, der sich ihnen nicht erschließen kann. Und sie sind darin nur die Gradmesser des Unzeitgemäßen, Verschobenen, Falschen: des Leidens an sich und ihrer Nation.

Aber Christa Wolf ist und bleibt, trotz dem, das sie auch war, eine wichtige Mahnerin auf dem Weg zu einer Sehnsucht nach Freiheit, Solidarität und Menschlichkeit, auf dem Weg zu eingelösten Menschenrechten, die so universal sind wie Sprache, Kommunikation und poetische Werkfähigkeit. So ist es nicht so sehr das Sozialistische, die Kapitalismuskritik an ihr, das Falsche ihres eigenen politischen Wegs, die uns einen Weg weisen können, sondern ihr poetisches Werk, das uns auf dem Weg in eine Demokratie mit einer humaneren Marktwirtschaft in globaler Herausforderung Hinsichten geben kann. Denn dass Christa Wolf in ihrer Kritik an der alten Bundesrepublik diese als Systemalternative gegenüber der DDR verwarf, ist kein Appell für die Diktatur. Dem widerspricht schon ihr poetisches Werk. Es wäre sicherlich Zeit, Christa Wolfs Schaffen neu zu sichten.

Hier finden Sie diese Rezension bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT



[2D]  Ödipaler Vatermord oder blasphemischer Bildersturm - zu Tilman Jens' Buch »Demenz«, eine Auseinandersetzung mit seinem Vater Walter Jens

Walter Jens - daran haben wir uns gewöhnt - ist eine hochkarätige Persönlichkeit: Er ist die herausragende moralische Instanz der alten Bundesrepublik. Er, der Tübinger Rhetorikprofessor, Teil der Gruppe 47, ist und war das gute Gewissen dieses Landes. Er wurde für uns zum Pseudonym des aufrechten Gangs, wenn es für ganze Generationen um gesellschaftliche Verantwortung ging. Und nun das, es ist kaum zu glauben: Tilman Jens, der eigene Sohn und dessen Buch Demenz, vermarktet die Krankheit des Vaters! Schlägt Kapital aus des Vaters körperlichem Niedergang!

Aber der Sohn zerstört auch unser Denkmal vom Vater im Kopf, zerschlägt unser vom Übervater imaginiertes Bild, das Walter Jens hieß: Es zerstört auch uns, unser gutes Gewissen, weil wir in unseres Übervaters moralischer Unduldsamkeit und Geradlinigkeit immer unser bestes Wollen, unser höchstes moralisches Gewissen aufgehoben sahen. Tilman Jens zerstört damit unseren größten Halt angesichts vielfältiger gesellschaftlicher und globaler Bedrohungen. Denn - unser Gefühl trügt uns nicht! - keiner vermag sich in staatsbürgerlicher Hinsicht mit einem vor Augen geführten Kaninchenpfleger und Blumenfreund W. J identifizieren. Und ohne ihn, diesen letzten verlässlichen moralischen Garanten, erscheint uns in dieser Gesellschaft vieles schrecklich biedermeierlich, der Staat und seine Organe restaurativ und alles zusammen höchst gefährdet.

Und so fühlen wir uns, indem uns Tilman Jens vorführt, wer uns mit seinem Vater verlässt, selbst verlassen, allein gelassen, uns unserer Verantwortung überantwortet. Und so zerstört Tilman Jens mit seinem Buch noch unsere höchsten moralischen Illusionen: Dass alles besser sei, als ohnehin schon befürchtet. Er nimmt uns mit seinem Buch den letzten Rest, den Traum, dass alles gut wäre oder noch werden würde: mit uns und den ganzen Gefährdungen in dieser Welt.

So meinen wir, dass es der Bote ist, der die böse Nachricht bringt, woran alles krankt, er aber zeigt uns mit seinem Buch, wir sind es selbst. Wir sind es, die das sein sollen, was Walter Jens immer gewesen war, was er uns vorlebte, was er uns gezeigt hat! Bürgerstolz beginnt mit Bürgertugend. Und deren Anfang ist das eigene Gewissen, über das der Staat und seine Organe keine Verfügungsgewalt haben; und das unterscheidet die Demokratie vom totalitären Regime; denn sie allein lebt davon: Vom Gewissen des einzelnen, der Verantwortung, die in bestem Kant'schen Sinne vom eigenen Nachdenken ihren Ausgang nimmt und zur Einmischung führt.

Wir sind es, das Volk, und diejenigen, die Verantwortung für uns und alles tragen. Und auch das wird mit Tilman Jens Buch schmerzlicher: Weil er des Vaters Demenz zur Flucht macht, zum Narkotikum des Vaters vor der eigenen Vergangenheit, die auch bei ihm Mitläufertum und NSDAP-Mitgliedschaft hieß. Und so sehen wir, dass im Bildersturm zugleich ein Vatermord steckt, aber einer, der mit ihm, nichts mit dem Vater zu tun hat: Als der eigene Versuch erwachsen zu werden und als Bewusstsein, das Leben nun endlich selbst in die Hand nehmen zu müssen.

Und so müssen auch wir gehen – selbst gehen lernen, über unsere Väter hinaus, unsere Überväter, die fehlbar sind wie wir, fehlbar waren und keine moralisch über alles erhabenen, unantastbaren Götter, wie wir immer gern geglaubt haben. Denn in der Demenz, in der unübergehbaren Krankheit unserer Überväter und -mütter wird uns schmerzlich bewusst, dass wir noch immer nicht erwachsen geworden sind, dass wir unseren staatsbürgerlichen Weg vielleicht noch nicht einmal begonnen haben.

Für mich war Tilman Jens' Buch über den Vater Walter Jens, den ich selbst noch kannte, eine Erhellung, eine Beschreibung meiner selbst und meines Verhältnisses zum Vater; und es wurde für mich zu einer Arbeitsanweisung in der Auseinandersetzung mit diesem. Daher finde ich das Buch gut, sehr gut, lesenswert für alle, die erwachsen werden und sich auf den Weg zum Rousseau'schen Citoyen machen wollen.

Hier finden Sie diese Rezension bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT



[2C]  Die Vermessung Kehlmanns als Schriftsteller - oder: Ruhm, wem Ruhm gebührt

Jungs Rezension in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT zerbröselt Kehlmanns neues Buch »Ruhm« zwischen den Mühlsteinen von Thomas Manns Buddenbrooks und Günter Grass' Blechtrommel. Er kommt zum Schluss, dass außer einer guten schriftstellerischen Idee zum Buch nur eine Sammlung von neun Geschichten aus Tausendundeinernacht herausgekommen sei, ja dass sogar, was heutige Leser besonders an der Lektüre eines Buches reizt, nämlich die erotischen Szenen, schlecht geschrieben und erzählt seien.

Ist das nicht zu viel Anspruch, der hier von vorneherein gesetzt wird und wurde? Muss es immer gleich Thomas Mann und Günter Grass sein, wenn von Erfolg im Literaturbetrieb, wenn von jungen Autoren gesprochen wird? Ist Kehlmann, der als Komet am Sternenhimmel des Buchmarktes gefeiert wird und wurde, der mit Literaturpreisen und sonstigen Auszeichnungen und Belobigungen schnell überhäuft wurde, schlicht und ergreifend nicht einfach nur zu bedauern? Es scheint, man lobte hoch, um tief fallen zu lassen – um weg, um aus dem Literaturbetrieb fort zu loben.

Durch sein erfolgreiches Megabuch »Vermessung der Welt« scheint man ihn zum Niveau, das da sofort heißen muss Thomas Mann und Günter Grass verdonnert, verpflichtet, gezwungen zu haben (Und dem Rezensenten ist zugute zu halten, dass er es sagt, nicht nur denkt). Aber warum? Um ihn gleich fertig zu machen? Ihn tief fallen lassen zu können? Er wird gemessen an dem, was er einst erreichte; vermessen an dem, was für Rezensenten und lesendes Publikum nun aus dem Stand heraus möglich sein müsse. Ist das opportun? Oder will man damit nur sagen, dass man immer wieder nur lieber die alten Hasen, die Grass', die Walsers', die .... lesen will? (Hinweis: Ich habe nichts gegen diese Autoren! Sie gehören ohne Frage zum Besten, was die deutsche Literatur seit 1945 geboten hat!).

Aber, bei aller Kritik an den Erwartungen von Rezensenten und Buchmarkt, zwei unprofessionelle Fehler hat Kehlmann im Umgang mit der medialen Öffentlichkeit auf jeden Fall gemacht:

Er hat erstens im FAZ-Interview sein neues Buch erklärt, ja interpretiert, was zeigt, dass er Angst hat, es könnte missverstanden, in seiner Güte nicht erkannt; es könnte ein Flop werden, nicht auf der Höhe der Vermessbarkeit sein.

Er hat zweitens zu viel über sich, über seine schriftstellerische Werkstatt, seine zwischenzeitlichen Schreibversuche und -probleme preisgegeben. Er hat sich gegenüber Kritik und Öffentlichkeit vermessbar gemacht. Er hat öffentlich gemacht, dass zwischen großem Erfolg und Autorenwirklichkeit Welten liegen könnten. Er hat selbst dem Anspruch, den er in sich setzt und in ihn gesetzt sieht, geschadet: damit seinen zukünftigen Büchern, möglicherweise seinem Ruhm.

So könnte geschehen, was schon so vielen Autoren geschah: Ein Autor, der mit seinem Erstling zu solcher Quote kam, könnte tot sein, bevor er richtig gelebt hat. So erging es vielen, wird es vielen ergehen, auch wenn es noch viel mehr andere gibt, die nur für die Schublade schrieben, niemals diese Chance bekamen, die Kehlmann hat. Wir sehen daran: Der Buchmarkt ist ein hartes Brot. Aber härter ist die Angst, es nicht noch einmal zu schaffen! Und diese Angst heißt, die falsche Tugend zum Ratgeber zu machen.

Hier finden Sie diese Rezension bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT


[2B]  Thomas Mann und das 3. Reich

Thomas Mann, der in seiner ersten politischen Äußerung als Schriftsteller in seinem Buch »Betrachtungen eines Unpolitischen« den 1. Weltkrieg als ein dem Deutschtum gemäßes Ringen der Völker emphatisch begrüßt hatte, machte seit dem Ende dieser Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts eine starke Wandlung durch. Schon in seinen Reden und Essays seit 1923 wurde er zu einem glühenden Verfechter von bürgerlicher Republik und Demokratie und zu einem, der die politischen Extreme von links und rechts mit den Waffen des Schriftstellers, dem Wort, bekämpfte.

Thomas Mann, der 1935 in die Schweiz und in die USA ins Exil ging, hatte bald erkannt, dass die kulturellen Wurzeln seines Schriftstellertums, seines sittlichen bürgerlichen Selbstverständnisses durchaus denen entsprachen, die der Nationalsozialismus für sich reklamierte, auf denen dieser selbst basierte: die frühe deutsche Romantik, Goethe und Herder, Richard Wagner und Nietzsche.

Hieraus erwuchs dem bürgerlichen Schriftsteller Thomas Mann ein großes ethisch-ästhetisches Problem: Wie kann es sein, dass so unterschiedliche Entwicklungen auf denselben Wurzeln fußen? Wie kann es sein, dass sie zu so konträren Folgen führen? Hier die Ideale von Humanität, Aufklärung und romantisch unterlegter Rationalität, der Glaube an den Fortschritt der Menschheit, dort Regression in Rassismus, Obskurantismus und Verhunzung deutschen Kultur- und Bildungsguts.

Auf diesem hoch interessanten Hintergrund kann man Thomas Manns Essays zur Lektüre nur sehr empfehlen - aber nicht nur auf diesem. Ich versuche in meinem Buch zu Masuren zu diesem Zusammenhang zwischen dem bürgerlichen Schriftsteller Thomas Mann und der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts Stellung zu nehmen.



[2A]  Claus Schenk Graf von Stauffenberg und das Attentat vom 20. Juli 1944

Mit dem neuen Stauffenberg-Film um den Schauspieler Tom Cruise ist in Deutschland eine Debatte ausgebrochen, in der es um nicht weniger als um die Frage geht, ob sich Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Attentäter auf den Diktator und Massenmörder Adolf Hitler, zum Helden der Deutschen in dunkelster Zeit eignet. Kann er uns als der Kopf einer der wichtigsten Widerstandsgruppen im 3. Reich als Anknüpfungspunkt für ein besseres Deutschland gelten?

So leicht es ist, diese Frage zu stellen, so schwer ist es, sie zu beantworten. Denn Stauffenberg bekannte sich niemals zur Demokratie. Er war kein Demokrat, kein Anhänger der Republik und Demokratie. Ihn, der anfänglich vom Nationalsozialismus begeistert war und seine besten politischen Hoffnungen damit zunächst verbunden sah, umschwebte seit seiner ersten Begegnung im Jahre 1923 mit dem Dichter Stefan George die Aura von dessen mythischen Dichterkreis. Doch das Bild des George-Kreises ist damals wie heute in vielen Teilen umstritten und dunkel; und dieses Bild ist bis heute unvollständig, wenn nicht gänzlich düster und obskur geblieben. Wenige Anhaltspunkte gibt es, die Georges Gedichte aus dem im Jahre 1928 erschienenen Zyklus »Das Neue Reich« uns dazu geben, jene Verse, die sogar vom 3. Reich vereinnahmt als auch von dessen Gegnern als Seitenhieb auf Hitlers Regime in Stellung gebracht wurden. Und Stefan George, der Anfang der 30er Jahre in die Schweiz übersiedelte, schwieg sich zu der über sein Leben und Wirken ausgebrochenen medialen Kontroverse beharrlich aus.

So bleiben zuletzt noch die letzten Worte von Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Dunkeln, sein Satz »Es lebe das heilige Deutschland!« oder, wie andere sagen, der Satz »Es lebe das geheime Deutschland!«, also jenes bei seiner Hinrichtung und Ermordung im Bendlerblock zu  Berlin ausgerufene Fanal für ein in seinem Sinne besseres Deutschland. Wir wissen nur aus dem Manifest der geplanten, ersten Rundfunkdurchsage der Attentäter, dass ihnen die Verwirklichung von Freiheit und Recht in einem anzustrebenden neuen deutschen Staatswesen von höchster Wichtigkeit war.

Doch die Frage bleibt, wäre das Attentat, dieser Staatsstreich gelungen: War es eine offene freiheitliche und pluralistische Demokratie, was diesen vorschwebte? Oder was anderes war es? Und an die Beantwortung dieser Frage kann man sich vielleicht nur annähern, wenn man zu ergründen sucht, wer sie waren, was ihre innersten Motivationen und Antriebe gewesen sind.

Ich versuche in meinem neuen Buch zu Masuren, im Buch zu meinem Ort nirgends, dazu eine Annäherung zu finden, vielleicht auch nur eine von vielen möglichen, aber doch meine Antwort zu geben.